Ausdauer statt Aufbruch: Warum Optimieren allein die Zukunft kostet
- Bernhard Nitz

- vor 1 Tag
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Wenn drei Viertel der Unternehmen ihre Lage als ungünstig beurteilen, ist Optimierung die natürliche Reaktion. Prozesse straffen, Liquidität sichern, durchhalten. Alles rational. Aber es gibt einen Punkt, an dem rationale Optimierung aufhört, eine Krisenstrategie zu sein und anfängt, eine Zukunftsvermeidungsstrategie zu werden. Dieser Punkt wird in der Schweizer Industrie gerade überschritten.
Der Swissmechanic KMU-MEM-Geschäftsklimaindex liegt zu Jahresbeginn 2026 bei rund 30 Punkten, das elfte Quartal in Folge im negativen Bereich. Drei von vier Unternehmen beurteilen ihre aktuelle Geschäftslage als ungünstig. Bei knapp der Hälfte der Betriebe gingen die EBIT-Margen zurück. Jedes vierte Unternehmen kann aufgrund finanzieller Restriktionen geplante Investitionen nicht stemmen. Der Raiffeisen KMU PMI zeigt zwar im Februar 2026 den höchsten Stand seit 2022 aber vor dem Hintergrund von fast drei Jahren Krise ist das eine Erholung von tief, nicht ein Aufbruch nach vorn.
Die Reaktion der Unternehmen beschreibt Swissmechanic-Direktor Erich Sannemann mit einer Formulierung, die präziser ist, als sie auf den ersten Blick wirkt: «Unsere KMU reagieren pragmatisch, sie optimieren Prozesse, sichern ihre Liquidität und halten ihre Belegschaften so weit wie möglich stabil.» Die Medienmitteilung trägt den Titel «Ausdauer statt Aufbruch».
Ausdauer statt Aufbruch. Das ist nicht nur eine Zustandsbeschreibung. Es ist eine strategische Entscheidung, auch wenn sie in den meisten Geschäftsleitungen nicht als solche getroffen wird.
Was Exploitation und Exploration mit Ihrem Unternehmen zu tun haben
Wenn der Druck steigt, verengen Organisationen ihren Fokus — ein evolutionär sicherlich wirksamer Mechanismus. In akuter Bedrohung ist es überlebenskritisch, Energie auf das Unmittelbare zu konzentrieren. In der Organisationstheorie heisst dieser Modus Exploitation: die Nutzung, Verfeinerung und Optimierung bestehender Fähigkeiten, Prozesse und Geschäftsmodelle.
James March, dessen Arbeit zu Exploration und Exploitation 1991 eines der meistzitierten Frameworks der Organisationsforschung begründete, beschrieb das Problem dieser Verengung mit bemerkenswerter Klarheit: Organisationen, die ausschliesslich exploitieren, erzielen kurzfristig verlässliche Erträge aber sie riskieren eine Kompetenzfalle. Sie werden so gut im Optimieren des Bestehenden, dass sie die Fähigkeit verlieren, auf veränderte Bedingungen zu reagieren.
Das Gegenstück: Exploration — umfasst Suche, Variation, Risiko, Experiment, Entdeckung: die Investition in Fähigkeiten und Geschäftsfelder, die heute noch keine verlässlichen Erträge liefern, aber die Anpassungsfähigkeit der Organisation an zukünftige Bedingungen sichern.
Die Forschung von O'Reilly und Tushman an Harvard und Stanford hat über zwei Jahrzehnte empirisch gezeigt, dass Unternehmen, die beide Modi gleichzeitig aufrechterhalten — organisationale Ambidextrie —, langfristig signifikant bessere Überlebens- und Leistungswerte erzielen als Unternehmen, die sich auf einen Modus konzentrieren. Das ist einer der robustesten Befunde der Strategieforschung.
Und es ist genau dieser Befund, der in der aktuellen Situation zum Problem wird. Denn unter Druck fällt die Exploration als Erstes.
Das Ambidextrie-Dilemma unter Druck
Die Schwierigkeit liegt nicht darin, dass Führungskräfte den Wert von Zukunftsinvestitionen nicht verstehen. Die meisten verstehen ihn sehr gut. Die Schwierigkeit liegt darin, dass das operative System, d.h. Budgetzyklen, Quartalsberichte, Personalplanung, Liquiditätsmanagement, eine Grammatik spricht, die Exploitation belohnt und Exploration bestraft.
Wenn die Margen erodieren und jedes vierte Unternehmen Investitionen aufschieben muss, fragt sich kein Bereichsleiter, ob das Pilotprojekt wertvoll wäre. Die Frage ist, wer es verantworten will, Ressourcen in etwas zu investieren, das frühestens in 18 Monaten Ertrag bringt während das aktuelle Quartal rot aussieht.
Unter Druck wird nicht die schlechteste Initiative gestrichen. Es wird die gestrichen, deren Nutzen am weitesten in der Zukunft liegt. Das ist ökonomisch nachvollziehbar — und strategisch verheerend.
Der Zinseszins der Innovation: Was die Forschung zeigt
Es gibt eine hilfreiche Analogie, um das Problem greifbar zu machen. Stellen Sie sich Exploration wie einen Sparplan vor.
Wer jeden Monat einen bescheidenen Betrag zurücklegt, merkt jahrelang keinen Unterschied. Der Kontostand wächst unmerklich. Aber nach zehn, fünfzehn Jahren entfaltet der Zinseszinseffekt seine Wirkung und der Unterschied zwischen jemandem, der durchgehalten hat, und jemandem, der in schwierigen Jahren pausiert hat, ist dramatisch. Der entscheidende Schaden entsteht nicht durch eine einmalige Reduktion, sondern durch das Aussetzen: Wer drei Jahre lang nicht einzahlt, verliert nicht drei Jahre Zinsen. Er verliert den gesamten Zinseszinseffekt auf diese drei Jahre und der ist uneinholbar.
Genau so verhält es sich mit Innovation. Und die Empirie bestätigt die Analogie.
Bansi Nagji und Geoff Tuff haben im Harvard Business Review eine Studie publiziert, die bei Industrieunternehmen, Technologieunternehmen und Konsumgüterherstellern ein konsistentes Muster identifiziert hat: Unternehmen, die überdurchschnittlich abschneiden, allokieren ihre Innovationsressourcen typischerweise nach einer Faustregel — rund 70 Prozent für Kerngeschäfts-Verbesserungen, 20 Prozent für angrenzende Geschäftsfelder und 10 Prozent für transformative Vorhaben.
Nun kommt der Zinseszinseffekt: Die Ertragsverteilung ist fast exakt invers. Die 70 Prozent Kerngeschäfts-Investitionen generieren langfristig rund 10 Prozent der kumulativen Innovationserträge. Die 10 Prozent für transformative Vorhaben generieren langfristig rund 70 Prozent.
Wer in der Krise die transformativen 10 Prozent streicht, spart kurzfristig 10 Prozent — und verliert langfristig 70 Prozent des Innovationsertrags. Das ist die Arithmetik, die in keiner Quartalspräsentation auftaucht.

Was passiert, wenn die 10 Prozent auf null fallen
Die FCLTGlobal-Studie «Funding Innovation» bestätigt diesen Mechanismus aus einer anderen Perspektive: Die Produktivität von F&E-Investitionen sinkt seit Jahren und zwar nicht, weil die Probleme schwieriger geworden wären, sondern weil der Zeithorizont der Innovationsportfolios systematisch schrumpft. Unternehmen investieren zunehmend in Projekte mit Zeithorizont von ein bis drei Jahren und immer weniger in solche mit fünf bis zehn Jahren.
Was dabei verschwindet, ist nicht ein einzelnes Projekt. Was verschwindet, ist die Fähigkeit der Organisation, überhaupt noch langfristig zu denken und zu handeln. Exploration ist keine Aktivität, die man bei Bedarf ein- und ausschaltet. Sie ist eine organisationale Fähigkeit, die aufgebaut werden muss und die verfällt, wenn sie nicht geübt wird.
Exploration, die unter Druck gestoppt und bei Entlastung wieder gestartet wird, ist keine Ambidextrie. Es ist sequentielle Monodextrie — und sie ist strategisch wirkungslos, weil die Lernzyklen jedes Mal von vorne beginnen.
Drei Muster, die die Verschiebung unsichtbar machen
Die schleichende Erosion der Explorationskapazität tarnt sich selbst. Drei Muster tragen dazu bei:
Erstens: Innovation wird mit Exploitation verwechselt. Viele Organisationen zählen Prozessverbesserungen, Automatisierungsprojekte und Software-Upgrades als «Innovation». Im Sinne der Nagji/Tuff-Klassifikation sind das Kerngeschäfts-Optimierungen wertvoll, aber keine Exploration. Eine Organisation, die stolz auf ihre «Innovationsprojekte» verweist, kann bei null Prozent transformativer Innovation sein, wenn keines dieser Projekte ein neues Geschäftsfeld, eine neue Kundengruppe oder ein neues Wertangebot erkundet.
Zweitens: Der Engpass wird falsch verortet. Wenn die Auftragslage schlecht ist, liegt es nahe, den Engpass im Vertrieb oder in der Nachfrage zu sehen. Das kann richtig sein. Aber in vielen Fällen liegt der eigentliche Engpass tiefer: in einer Organisation, die seit Jahren und nicht erst seit der Krise zu wenig in die Fähigkeit investiert hat, ihr Geschäftsmodell weiterzuentwickeln. Die Krise macht den Engpass sichtbar. Sie hat ihn nicht verursacht. In der Ambiflow-Logik ist das eine Frage der Engpass-Klarheit: Weiss das Führungsteam, was die Organisation wirklich bremst, und richtet es seine knappen Ressourcen konsequent daran aus?
Drittens: Die Zukunft wird als «nach der Krise» gedacht. «Wenn die Auftragslage sich stabilisiert, investieren wir wieder.» Dieser Satz klingt vernünftig. Er übersieht die Zinseszins-Logik: Wer drei Jahre lang nicht in den Sparplan einzahlt, kann das verlorene Kapital nicht einfach nachschiessen. Die entgangene Rendite ist weg.
Was Ambidextrie unter Druck konkret bedeutet
Die Antwort ist nicht, dass Unternehmen in einer Krise gleich viel in Exploration investieren sollten wie in guten Zeiten. Das wäre realitätsfremd. Die Antwort orientiert sich an der Sparplan-Logik: Auch in einem schlechten Börsenjahr stellt man den Sparplan nicht ein. Man reduziert vielleicht die Rate. Aber man hört nicht auf.
Erstens: Eine geschützte Minimalinvestition in Exploration, die auch unter maximalem operativem Druck nicht zur Disposition steht. Das können je nach Unternehmensgrösse drei Personen sein, ein halber Tag pro Woche, oder ein kleines Budget für Prototyping. Im Sinne von Nagji und Tuff: Selbst wenn die 10 Prozent auf 3 Prozent fallen, sie dürfen nicht auf null fallen.
Zweitens: Eine ehrliche Diagnose des eigentlichen Engpasses. Nicht «Wir brauchen mehr Aufträge», sondern: Was genau hindert diese Organisation daran, sich an veränderte Bedingungen anzupassen? Ist es die Auftragslage oder ist es ein Geschäftsmodell, das seit zehn Jahren nicht weiterentwickelt wurde? Das Ambiflow-Modell, das wir bei transformind für genau diese Frage entwickelt haben, untersucht die Ambidextrie-Balance als eine von sechs Dimensionen, neben Engpass-Klarheit, Wertschöpfungsfluss, Informationsfluss, sozialer Tragfähigkeit und Führungssystem-Reife. Der Grund: Wer nur die Balance misst, ohne die Ursachen der Verschiebung zu verstehen, optimiert am Symptom.
Drittens: Ein Führungssystem, das die Balance aktiv steuert. Ambidextrie passiert nicht von selbst. Sie muss gemanagt werden — durch ein Führungsteam, das bewusst entscheidet, wie die knappen Ressourcen zwischen Exploitation und Exploration aufgeteilt werden, und das diese Entscheidung regelmässig überprüft. Ohne diese bewusste Steuerung gewinnt Exploitation immer.
Fünf Diagnosefragen für Ihr Führungsteam
1. Wie hat sich die Verteilung zwischen Exploitation und Exploration in den letzten 18 Monaten verschoben, und war das eine bewusste Entscheidung?
Wenn niemand am Tisch die Frage beantworten kann, fehlt die Steuerung. Die Verschiebung ist dann nicht gesteuert, sondern passiert.
2. Welche Investition in die Zukunft hat Ihr Führungsteam in den letzten sechs Monaten bewusst geschützt, auch wenn sie kurzfristig keinen Ertrag bringt?
Die Fähigkeit, unter Druck etwas zu schützen, das heute nichts einbringt, ist der präziseste Indikator für strategische Reife eines Führungsgremiums.
3. Wenn ein neuer Wettbewerber morgen mit einem digitalen Angebot in Ihren Markt eintreten würde, wie schnell könnte Ihre Organisation reagieren?
Die Antwort ist ein Proxy für Anpassungsfähigkeit. Organisationen, die seit Monaten ausschliesslich optimieren, brauchen Monate, um umzuschalten.
4. Wo genau liegt bei Ihnen heute die Grenze zwischen «Wir optimieren klug» und «Wir vermeiden die Zukunft»?
Diese Frage hat keine natürlichen Warnsignale. Die Grenze wird überschritten, ohne dass es jemand bemerkt — weil jede einzelne Kürzung rational begründbar ist.
5. Wer in Ihrem Führungsteam vertritt die Perspektive der Exploration — und hat diese Person die gleiche Autorität wie die Verantwortlichen für das Tagesgeschäft?
In den meisten Organisationen gibt es einen CFO, einen COO und Bereichsleiter, deren Erfolg an operativen Kennzahlen gemessen wird. Selten gibt es ein Gegengewicht, das für die Zukunftsinvestition ebenso verbindlich verantwortlich ist. Wo dieses Gegengewicht fehlt, gewinnt Exploitation systemisch — unabhängig von den Absichten der Beteiligten.
Was daraus folgt
Die Schweizer Industrie zeigt gegenwärtig eine bemerkenswerte operative Widerstandskraft. Unternehmen halten durch, passen an, optimieren. Das verdient Respekt, und jeder, der die Realität von 30 Indexpunkten und erodierenden Margen kennt, weiss, was das an täglicher Führungsleistung erfordert.
Gleichzeitig lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und eine unbequeme Frage zu stellen: Wenn Ausdauer die Stärke ist, wohin führt sie? Ausdauer mit Richtung ist strategische Resilienz. Ausdauer ohne Richtung ist Stillstand.
Die Organisationen, die gestärkt aus dieser Phase hervorgehen, werden nicht diejenigen sein, die am besten optimiert haben. Es werden diejenigen sein, die auch in schlechten Jahren ihren Sparplan weitergeführt haben — wissend, dass nicht jede Einzahlung sofort Rendite bringt, aber dass die Alternative — drei Jahre Aussetzen — die teuerste aller Optionen ist.
Ausdauer ist kein strategisches Ziel. Sie ist ein Überbrückungsmodus. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Sie durchhalten. Die entscheidende Frage ist, wohin Sie gehen, wenn der Druck nachlässt — und ob Sie dann noch die Fähigkeit haben, dorthin aufzubrechen.
Wenn Sie prüfen möchten, wo Ihre Organisation heute zwischen Exploitation und Exploration steht und ob der Engpass wirklich dort liegt, wo Sie ihn vermuten: Ambiflow untersucht genau diese Frage, als eine von sechs Dimensionen. Und wenn eine der fünf Fragen etwas ausgelöst hat, freue ich mich über einen Kommentar oder ein Gespräch, offen und ohne Agenda.



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