Transformation beginnt an der Spitze: Transformationserfolg durch Führung und Kultur
- Bernhard Nitz

- 26. Sept. 2025
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Juli

Ein CEO spricht in einem Interview über Fehlerkultur und mehr Mut zu Fehlern. Drei Wochen später trennt er sich von einem Bereichsleiter, dessen Pilotprojekt an der Komplexität und am Widerstand der Organisation gescheitert ist. Für ihn ist die Entscheidung stimmig, obwohl er kurz zuvor öffentlich eine neue Fehlerkultur angekündigt hat. Die Organisation ist irritiert: Sie lernt an dieser einen Episode mehr über die tatsächliche Kultur als an zehn Leitbild-Workshops. Genau an dieser Schwelle zwischen Anspruch und Wirklichkeit scheitern sieben von zehn Transformationen.
Dasselbe Muster wiederholt sich gerade bei der Künstlichen Intelligenz. Eine Studie des MIT zur «GenAI Divide» zeigt, dass 95 Prozent der KI-Initiativen trotz 30 bis 40 Milliarden Dollar an Unternehmensinvestitionen keinen messbaren Geschäftswert erzielen, und die Forschenden führen das ausdrücklich nicht auf die Qualität der Technologie zurück, sondern auf die Vorgehensweise. McKinsey kommt im «State of AI 2025» zum selben Punkt: Nur 21 Prozent der Organisationen, die generative KI einsetzen, haben überhaupt einen Arbeitsablauf neu gestaltet. Das teuerste Transformationsthema des Jahrzehnts scheitert an genau der Stelle, um die es in diesem Artikel geht.
Diese Stabilität legt nahe, dass die Ursache nicht dort liegt, wo sie meistens gesucht wird, und dass bessere Methoden allein die Gleichung nicht verändern.
Dieser Artikel identifiziert den Widerspruch, zeigt, was die Forschung über die Rolle der Führung belegt, und stellt fünf Fragen, an denen sich die Bereitschaft eines Führungsgremiums ablesen lässt.
Warum scheitern Veränderungsprogramme in Schweizer KMU so regelmässig?
Die naheliegende Antwort lautet: fehlende Führung, mangelnder Kulturwandel, schlechte Kommunikation. Das stimmt, aber es ist unvollständig. Es beschreibt das Symptom, nicht die Ursache.
Die Ursache, die in der Praxis selten beim Namen genannt wird, ist struktureller Natur. Führungskräfte, die eine Transformation verantworten, stehen gleichzeitig unter zwei vollständig gegenläufigen Systemlogiken.
Das operative System, in dem sie täglich arbeiten, belohnt Verlässlichkeit, Planerfüllung und Risikominimierung. Es ist unmittelbar, messbar und an persönliche Verantwortung geknüpft. Das Transformationssystem dagegen verlangt das Gegenteil: Experimentierbereitschaft, Toleranz für Unsicherheit, das bewusste Loslassen von dem, was bisher funktioniert hat.
Beide Logiken sind gleichzeitig aktiv. Und wenn sie kollidieren, gewinnt immer die operative, weil sie sofortige Konsequenzen hat.
Was eine Transformation in Wirklichkeit verlangt, ist kein besseres Projektmanagement. Es ist die Fähigkeit des Führungsteams, die eigene Rolle unter veränderten Bedingungen neu zu definieren, bevor das operative System jeden Spielraum dafür schliesst.
Warum KI-Transformationen an derselben Stelle scheitern wie jede Transformation zuvor
KI-Transformationen scheitern aus demselben strukturellen Grund wie die Transformationen vor ihnen: Das Führungssystem ist nicht darauf ausgelegt, den Wandel zu tragen, den es von der Organisation verlangt. Die Technologie ist neu, das Scheiternsmuster ist es nicht.
Das macht die aktuellen Zahlen so aufschlussreich. Wenn 95 Prozent der KI-Pilotprojekte ohne messbares Ergebnis bleiben, liegt der Reflex nahe, auf die Werkzeuge, die Daten und die Anwendungsfälle zu schauen. Das MIT kommt jedoch zum Schluss, dass die Kluft nicht von der Modellqualität getrieben wird. McKinsey wird noch deutlicher: Die Lücke zwischen KI-Einführung und KI-Wirkung ist ein Problem der Führung und des Betriebsmodells, kein technologisches. Knapp 80 Prozent der Organisationen legen KI über bestehende Prozesse, ohne neu zu denken, wie Arbeit tatsächlich fliesst. Das ist die digitale Variante davon, Veränderung zu verlangen und die eigenen Arbeitsweisen unangetastet zu lassen.
Ein Führungsteam, das Unsicherheit nicht halten, Bewährtes nicht loslassen und die eigene Rolle nicht neu bestimmen kann, transformiert sich mit KI ebenso wenig, wie es sich ohne KI transformiert hat. Das Werkzeug ändert sich, der Engpass bleibt.
Was die Forschung über Führungseinbindung zeigt
Sieben von zehn Transformationen erreichen nicht, was sie sich vorgenommen haben. Eine Studie von Deloitte und der Universität St. Gallen (2021, rund 150 Unternehmen im DACH-Raum) fand, dass 85 Prozent der Unternehmen im vorangegangenen Jahrzehnt mehr als eine Transformation durchliefen, aber nur 30 Prozent das angestrebte Ergebnis erreichten. Ähnliche Grössenordnungen finden sich seit Jahren in Erhebungen von McKinsey und anderen, wobei diese Zahlen auf oft überlappenden Definitionen von «Erfolg» beruhen und mit Vorsicht zu lesen sind. Bemerkenswert ist weniger die exakte Höhe als die Stabilität: Die Quote hat sich über zwei Jahrzehnte kaum bewegt, obwohl Methodik und Beratungsangebote sich laufend weiterentwickelt haben.
Wie wichtig ist die Rolle der Führung für Ihre Transformation?
Eine globale Studie der Boston Consulting Group mit über 100 untersuchten Transformationsprojekten liefert einen der präzisesten Belege für die Rolle der Führung: Unternehmen, die ihre Führungskräfte konsequent in die Transformation einbinden und ihr aktives Engagement einfordern, sind dreimal erfolgreicher als der Durchschnitt.
Eine Verdreifachung der Erfolgsquote ist kein marginaler Effekt, sondern einer der stärksten Einzelhebel, die die Transformationsforschung bisher identifiziert hat.
BCG beschreibt sechs Erfolgsfaktoren. Der erste lautet: «Aligning leadership with a powerful purpose»: die Führung auf ein klares, sinnstiftendes Zielbild ausrichten. Nicht das Management. Nicht die Projektteams. Die Führung selbst.
Der zweite Befund aus dieser Studie ist weniger zitiert, aber mindestens genauso relevant. BCG beschreibt drei Dimensionen der Führungsaktivierung, die zusammenwirken müssen:
strategisch (Kopf),
emotional (Herz),
operativ (Hand).
Unternehmen, die alle drei Dimensionen ausschöpfen, erzielen in 96 Prozent der Fälle eine nachhaltige Leistungsverbesserung. Was in der Praxis regelmässig fehlt, ist die emotionale Dimension. Führungskräfte, die strategisch und operativ stark sind, unterschätzen, wie viel ihrer eigenen Haltung, ihrer persönlichen Sichtbarkeit und ihrer Bereitschaft zur Unsicherheit in der Transformation verlangt wird.
Was Führung vorleben in einer Transformation wirklich verlangt
Leadership by Example ist einer jener Begriffe, die jeder kennt und der trotzdem selten präzise ist. Was er in einer Transformation konkret bedeutet, weicht deutlich von der üblichen Interpretation ab.
Es geht nicht primär darum, in Townhalls über die Transformation zu sprechen. Es geht darum, das eigene Verhalten sichtbar zu verändern. Fehler öffentlich einzugestehen. Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen und zu erklären, warum sie so und nicht anders getroffen wurden. Auf Fragen zu antworten, auf die es noch keine fertigen Antworten gibt, ohne das als Führungsschwäche zu rahmen.
In meiner Arbeit mit Führungsteams ist das eine der anspruchsvollsten Entwicklungsaufgaben: die Fähigkeit zu entwickeln, in einer Organisation glaubwürdig Unsicherheit zu halten, ohne in operative Gewissheit zu flüchten. Diese Fähigkeit entsteht nicht in einem Workshop. Sie braucht einen Prozess, der das Führungsteam als Objekt der Arbeit begreift, nicht nur als Auftraggeber.
Kulturwandel folgt der Führung, er geht ihr nicht voraus
Culture eats strategy for breakfast. Dieser Satz wird Peter Drucker zugeschrieben und wird in keiner Transformationsdiskussion ausgelassen. Er ist richtig, aber er wird meistens falsch verwendet.
Kultur wird in den meisten Transformationsprojekten wie eine eigenständige Variable behandelt, die parallel zur Strategieumsetzung verändert werden soll. Workshops, Werte-Initiativen, neue Leitbilder. Das Problem ist nicht, dass diese Instrumente schlecht wären. Das Problem ist, dass sie am falschen Hebel ansetzen.
Organisationskultur ist keine Variable, die sich direkt steuern lässt. Sie ist das Ergebnis dessen, was in einer Organisation tatsächlich belohnt und bestraft wird. Was zugelassen ist und was nicht. Welche Fragen man stellen darf und welche man besser für sich behält.
Kulturwandel folgt deshalb der Führung. Eine Organisation, die Fehlertoleranz entwickeln soll, braucht keine Workshops über Fehlerkultur. Sie braucht Führungskräfte, die selbst Fehler eingestehen, ohne dafür Konsequenzen zu tragen. Eine Fortschrittskultur braucht beides: Vorbilder und Klarheit. Das ist kein Widerspruch, sondern die Voraussetzung.
Wer mehrere Erfolgspraktiken kombiniert, hebt die Quote deutlich
Die Deloitte/HSG-Studie zeigt den Effekt am Bündel: Unternehmen, die vier oder mehr der sieben untersuchten Managementpraktiken anwenden, erreichten eine Erfolgsquote von 87 Prozent, gegenüber 55 Prozent bei Unternehmen mit einer oder keiner. Führung und Kultur sind zwei dieser Praktiken, nicht die alleinige Ursache.
Die Frage ist nicht, ob Ihre Organisation eine Transformationskultur hat. Die Frage ist, was das tägliche Verhalten der Führung darüber aussagt, welche Kultur tatsächlich gewünscht ist.
Warum das Warum einer Transformation täglich beantwortet werden muss
Eine Schwachstelle, die in gescheiterten Transformationen regelmässig auftaucht, ist nicht Strategie- oder Ressourcenmangel. Es ist die fehlende Antwort auf eine schlichte Frage: Warum eigentlich?
Ist der Sinn einer Transformation nicht klar und in der Organisation nicht anschlussfähig vermittelt, entstehen Irritationen, sinkende Leistungsbereitschaft und, in der Folge, der Abgang genau jener Mitarbeitenden, die andere Möglichkeiten haben. Der Sinn einer Transformation ist nicht ein Kommunikationsthema für eine Stabsstelle.
Der Sinn einer Transformation ist eine Führungsaufgabe, die täglich gelebt werden muss.
Drei Hebel, die in Transformationen regelmässig unterschätzt werden
Aus der Begleitung von Organisationen in Transformationsprozessen zeichnen sich drei Hebel ab, die regelmässig unterschätzt werden.
Führung als Lernprozess begreifen
Eine Transformation verlangt von Führungskräften Fähigkeiten, die ihr bisheriger Karrierepfad häufig nicht entwickelt hat. Das ist keine Kritik an Einzelpersonen, sondern eine systemische Beobachtung: Wer in einer Organisation für operative Exzellenz belohnt wurde, hat wenig Gelegenheit gehabt, strategische Ambiguitätstoleranz zu üben. Coaching, Führungsdialoge und strukturierte Reflexionsprozesse sind der Entwicklungspfad für genau diese Fähigkeiten. Das gilt explizit für das Top-Management.
Kulturentwicklung als Führungsaufgabe, nicht als Programm
Psychologische Sicherheit entsteht nicht in Workshops. Sie entsteht, wenn ein Führungsteam täglich sichtbar das Verhalten zeigt, das es von der Organisation erwartet. Konsequenz, klare Entscheidungen und Struktur sind dabei kein Widerspruch zur Offenheit, sie sind ihre Voraussetzung.
Sinn und Führung synchronisieren
Jede Entscheidung, jede Kommunikation, jedes Meeting trägt dazu bei, ob die Transformation in der Organisation als notwendig und glaubwürdig erlebt wird. Das ist keine Aufgabe der Kommunikationsabteilung. Es ist eine Führungsaufgabe.
Das Ambiflow-Modell, das wir bei transformind für die Diagnose von Transformationssystemen entwickelt haben, untersucht die Führungssystem-Reife als eine von sechs Dimensionen. Der Grund ist praktisch: Eine Transformation, deren Führungssystem nicht bereit ist, den Wandel zu tragen, scheitert nicht an der Strategie. Sie scheitert an der Grenze zwischen Formulierung und gelebter Wirklichkeit.
Fünf Diagnosefragen für Ihr Führungsgremium
Diese Fragen richten sich nicht an Einzelpersonen. Sie richten sich an Führungsgremien als System.
1. Wie viel Prozent Ihrer Transformationsenergie fliesst in operative Steuerung und wie viel in die Entwicklung des Führungsteams selbst?
Die meisten Transformationsprogramme haben detaillierte Pläne für Technologie, Prozesse und Kommunikation. Für die Entwicklung des eigenen Führungssystems gibt es selten eine vergleichbare Ressource, obwohl es der primäre Erfolgsfaktor ist.
2. Wenn Sie Mitglieder Ihres Führungsgremiums einzeln fragen, warum diese Transformation jetzt notwendig ist: Wie viele unterschiedliche Antworten bekommen Sie?
Strategische Kohärenz beginnt nicht mit einem Dokument. Sie beginnt mit einem geteilten Bild. Fehlt dieses Bild, arbeitet jedes Mitglied mit einer eigenen mentalen Landkarte. Die Organisation bewegt sich dann in mehrere Richtungen gleichzeitig.
3. Was ist in Ihrer Organisation in den letzten sechs Monaten passiert, wenn jemand in einem Transformationsprojekt einen Fehler gemacht und ihn transparent kommuniziert hat?
Die Antwort auf diese Frage sagt mehr über Ihre tatsächliche Kultur aus als jedes Leitbild.
4. Was hat Ihr Führungsteam in der Transformation bewusst aufgegeben, und welche Konsequenz hatte das für die Glaubwürdigkeit des Prozesses?
Führungskräfte, die von anderen Veränderung verlangen, aber ihre eigenen Arbeitsweisen nicht anfassen, verlieren das Vertrauen der Organisation. Meist ohne es zu bemerken. Die McKinsey-Daten von 2025 machen den blinden Fleck messbar: Führungskräfte auf C-Ebene nennen die Bereitschaft der Mitarbeitenden mehr als doppelt so häufig als Hindernis wie die eigene Rolle.
5. Woran würden Sie erkennen, dass die Führung in Ihrer Transformation versagt, und wie schnell bekämen Sie dieses Signal?
Operative Systeme sind auf Effizienz-Feedback optimiert. Führungsversagen in Transformationen ist in regulären Reportings strukturell unsichtbar. Bis es zu spät ist.
Transformationserfolg durch Führung und Kultur ist kein Zufallsprodukt.
Die Forschung ist eindeutig, die Muster in der Praxis sind konsistent. Was es braucht, ist kein neues Framework und keine bessere Methodik. Es braucht Führungskräfte, die bereit sind, die eigene Wirkung in der Transformation als Entwicklungsaufgabe zu begreifen, nicht als Nebenprodukt des Tagesgeschäfts. Das gilt für eine KI-Transformation genauso wie für jede andere. Die Technologie hat den Einsatz erhöht, an der Ursache hat sie nichts geändert.
Unternehmen, die das ernst nehmen, verschieben die Wahrscheinlichkeit spürbar zu ihren Gunsten, nicht durch ein einzelnes Programm, sondern durch das konsequente Zusammenspiel mehrerer Praktiken.
Wenn Sie prüfen möchten, ob Ihr Führungssystem für das bereit ist, was die Transformation von ihm verlangt: Die Beratung für Transformationen und das Executive Coaching bei transformind setzen genau hier an. Und wenn eine der fünf Fragen etwas ausgelöst hat, freue ich mich über ein Gespräch.
Bernhard Nitz ist Inhaber von transformind GmbH und begleitet Führungsteams in KMU und Konzernen im DACH-Raum, wenn Transformationen an ihrer eigenen Führung oder Komplexität zu scheitern drohen.


