Anpassungsfähigkeit von Unternehmen: warum sie kein Dauerzustand ist
- Bernhard Nitz

- vor 1 Tag
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Die meisten Geschäftsleitungen halten ihr Unternehmen für anpassungsfähig, und sie haben gute Gründe dafür. Man hat eine Fusion hinter sich gebracht, einen Generationswechsel an der Spitze durchgeführt oder die COVID-Pandemie gemeistert. Wer solche Erfahrungen gesammelt hat, traut sich auch das Nächste zu. Aus dieser Erfahrung wird mit der Zeit kann eine Überzeugung entstehen: Anpassungsfähigkeit sei etwas, das man besitzt, wenn man es einmal bewiesen hat.
Die Census-Daten zur KI-Einführung zeichnen dazu ein anderes Bild.
Warum etablierte Unternehmen bei Veränderungen oft verlieren
Kristina McElheran und Erik Brynjolfsson haben für das US Census Bureau untersucht, wie sich die Einführung industrieller KI in der amerikanischen Fertigung auswirkt, mit Betriebsdaten aus 2017 und 2021. Wer am stärksten verliert, überrascht: nicht die jungen Firmen, sondern die alten, etablierten.
Es liegt nicht an der Technik, sondern daran, was in diesen Betrieben unter Druck passiert. Erfahrene Werke, die seit Jahren ihre Kennzahlen verfolgten und ihre Produktionsziele im Blick hatten, hörten damit auf, als das neu eingeführte System sie herausforderte. Die Routinen, die den Laden bisher zusammengehalten hatten, fielen als Erstes weg. Fast ein Drittel der zusätzlichen Verluste dieser älteren Betriebe lässt sich allein darauf zurückführen.
Die Erfahrung, auf die sie sich verlassen hatten, schützte sie nicht. Im Gegenteil: Sie machte sie eher sorglos.
Warum frühere Anpassungsfähigkeit die Zukunft nicht garantiert
Ein Maschinenbauer, der vor zwölf Jahren die halbe Produktion nach Osteuropa verlagert hat, weiss, wie man eine Standortverlagerung durchzieht. Ob er weiss, wie man ein KI-gestütztes Planungssystem einführt oder wie er seine Maschinen mit KI-gestützten Analysen warten und weiterentwickelt, steht damit nicht fest. Es ist eine vollkommen andere Aufgabe. Sie verlangt anderes von der Organisation, und die Routinen von damals helfen nur begrenzt.
Genau das zeigen die Census-Daten, wenn man auf die Gewinner schaut. Den besten Weg aus dem Tal fanden nicht die Firmen mit der längsten Geschichte, sondern die, die vor der Einführung schon digital weit waren. Sie brachten mit, was diese eine Umstellung brauchte. Allgemeine Wandlungserfahrung half dabei wenig.
McElheran fasst es nüchtern: KI lasse sich nicht einfach einstecken und einschalten. Sie verlange einen Umbau, und der koste gerade etablierte Firmen Mühe.
Anpassungsfähigkeit ist situativ, nicht dauerhaft
Damit verliert ein verbreitetes Selbstbild seinen Boden. „Wir sind ein wandlungsfähiges Haus" beschreibt keine Eigenschaft, die man hat, sondern höchstens eine, die man beim letzten Mal gezeigt hat. Die KI-Einführung stellt andere Fragen als die Standortverlagerung davor: Wer trägt die Datenpflege, wer prüft die Vorschläge des Systems, wessen Urteil zählt noch. Auf diese Fragen gibt die Erfahrung mit Werkshallen und Lieferketten keine Antwort.
Wer das akzeptiert, stellt eine andere Frage als sonst. Nicht mehr, ob das eigene Unternehmen anpassungsfähig ist, sondern ob es für die Veränderung, die jetzt ansteht, das Tragende hat und es unter Druck halten wird. Woran sich das schon vorher ablesen lässt, bevor die Zahlen es bestätigen, zeigen die drei Frühindikatoren.
Organisationale Resilienz als fortlaufende Aufgabe
Die Vorstellung dauerhafter Anpassungsfähigkeit ist beruhigend, weil sie eine Mühe erspart. Man muss sich nicht vor jeder grossen Veränderung neu prüfen, wenn man die Eigenschaft schon zu besitzen glaubt. Diese ersparte Mühe ist genau die, auf die es ankommt.
Eine adaptive Organisation erkennt man nicht daran, dass sie das Prüfen hinter sich hat. Sie erkennt man daran, dass sie es nie für erledigt hält. Wer wissen will, wie das eigene Unternehmen vor der nächsten Belastung dasteht, findet im Pulse-Check den strukturierten Einstieg.
Eine persönliche Anmerkung dazu. Anpassungsfähigkeit ist nicht umsonst, sie kostet Effizienz. Ein Unternehmen, das jede Reserve wegoptimiert hat, läuft im Normalbetrieb schlank und ist im Wandel dafür verletzlicher. Eines, das zu viel Spielraum vorhält, zahlt dafür Jahr für Jahr, ohne dass es sich auszahlt. Das macht die Anpassungsfähigkeit nicht nur zu einer Glaubens- und Haltungsfrage, sondern vielmehr zu einer ökonomischen Abwägung. Wie viel Anpassungsfähigkeit und welche Reserven aufgebaut werden sollen, hängt davon ab, wie die Unternehmensleitung den Veränderungsbedarf in der Zukunft einschätzt.
Bernhard Nitz ist Inhaber von transformind GmbH und Gesellschafter bei Königswieser & Network. Er begleitet Führungsteams in Konzernen und KMU im ganzen DACH-Raum, wenn Veränderungen an ihrer eigenen Komplexität zu scheitern drohen.


