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Organisationale Ambidextrie

Organisationale Ambidextrie: Das Kerngeschäft sichern und die Zukunft gleichzeitig entwickeln.

Wer nach organisationaler Ambidextrie sucht, hat meist eine konkrete Frage im Hintergrund: Wie halten wir Kerngeschäft und Zukunftsentwicklung gleichzeitig am Laufen?


Auf dieser Seite finden Sie die Forschungsgrundlagen, Schweizer Praxisbeispiele und drei Muster, die erklären, warum das Gleichgewicht in den meisten Führungsteams still kippt.


Seit 30 Jahren zeigt die Managementforschung ein konsistentes Bild: Ambidextre Organisationen überleben häufiger, wachsen stärker und erzielen höhere Innovationsrenditen als jene, die sich auf einen Modus konzentrieren. Was diesen Befund in der Praxis schwer umsetzbar macht, ist eine strukturelle Logik. Das operative System jeder Organisation, Budgetzyklen, Quartalsberichte, Liquiditätsmanagement, belohnt das Kerngeschäft und bestraft Zukunftsinvestitionen. Unter Druck fällt Exploration deshalb als Erstes weg, oft ohne dass jemand eine bewusste Entscheidung getroffen hat.

EXPLOITATION

Wie verdienen wir unser Geld heute?

Optimierung, Effizienz, Kerngeschäft sichern

EXPLORATION

Wie verdienen wir unser Geld morgen?

Entwicklung, Experiment, neue Fähigkeiten aufbauen

Was versteht man unter Ambidextrie?

In der Organisationsforschung heisst das Ambidextrie: die Fähigkeit, Exploitation und Exploration gleichzeitig aufrechtzuerhalten. Das Konzept ist eingängig. Was es in der Praxis schwer macht, ist eine strukturelle Logik, gegen die jede gute Absicht von allein verliert.

DIE DREI GRUNDFRAGEN ZU AMBIDEXTRIE

Exploitation und Exploration: Was dahinter steckt

Was ist organisationale Ambidextrie?

Organisationale Ambidextrie bezeichnet die Fähigkeit einer Organisation, Exploitation und Exploration gleichzeitig aufrechtzuerhalten. Der Begriff wurde von James G. March 1991 in der Organization Science geprägt. Er beschreibt das zentrale Dilemma jeder Führung: Das Kerngeschäft muss heute funktionieren. Die Grundlage für morgen muss gleichzeitig entstehen.

Was bedeutet Exploitation und Exploration?

Exploitation steht für die Nutzung, Verfeinerung und Optimierung des Bestehenden: bewährte Prozesse, gesichertes Kerngeschäft, verlässliche Erträge. Exploration steht für Suche, Experiment und Variation: Investition in Fähigkeiten, die heute noch keine sicheren Erträge liefern, aber die Anpassungsfähigkeit der Organisation an zukünftige Bedingungen sichern.

In der Sprache des Controlling: Exploitation ist das Tagesgeschäft. Exploration ist das, wofür im Budget nie genug Platz ist.

EXPLOITATION

Das Kerngeschäft sichern und optimieren

Nutzung, Verfeinerung und Optimierung bestehender Fähigkeiten, Prozesse und Geschäftsmodelle. Kurzfristig verlässliche Erträge, klare Verantwortlichkeiten, messbare Kennzahlen.

  • Prozessoptimierung

  • Kostenreduktion

  • Kundenbindung

  • Qualitätssteigerung

  • Risikoreduktion

EXPLORATION

Neue Fähigkeiten und Felder entwickeln

Suche, Variation, Experiment, Entdeckung. Investition in Fähigkeiten, die heute noch keine verlässlichen Erträge liefern, aber die Anpassungsfähigkeit der Organisation an zukünftige Bedingungen sichern.

  • Neue Geschäftsfelder

  • Pilotprojekte

  • Neue Kompetenzfelder

  • Markterkundung

Warum ist es wichtig, Exploit und Explore gleichzeitig zu führen?

March hat 1991 gezeigt: Wer ausschliesslich exploitiert, erzeugt kurzfristig stabile Erträge, gerät aber langfristig in eine Kompetenzfalle. Wer ausschliesslich exploriert, entwickelt neue Ideen, aber keine wirtschaftliche Basis. Das entscheidende Wort ist «gleichzeitig»: Exploration, die unter Druck pausiert und danach neu gestartet wird, verliert ihren kumulativen Lerneffekt. Die Lernzyklen beginnen jedes Mal von vorne.

DIE STRATEGISCHE CHALLENGE

DAS EIGENTLICHE PROBLEM ENTSTEHT UNTER DRUCK

Das operative System jeder Organisation spricht eine eigene Grammatik: Budgetzyklen, Quartalsberichte, Liquiditätsmanagement belohnen Exploitation und bestrafen Exploration. Unter Druck wird die Initiative gestrichen, deren Nutzen am weitesten in der Zukunft liegt. Das ist zwar ökonomisch nachvollziehbar, doch strategisch verheerend. Ist die Krise nämlich vorbei, gewinnen diejenigen Unternehmen an Vorsprung, die sich bereits vor und während der Krise auf die Zeit danach vorbereitet haben. 

Organisationen, die ausschliesslich exploitieren, erzielen kurzfristig verlässliche Erträge, riskieren aber eine Kompetenzfalle. Sie werden so gut im Optimieren des Bestehenden, dass sie die Fähigkeit verlieren, auf veränderte Bedingungen zu reagieren.

James G. March, «Exploration and Exploitation in Organizational Learning», Organization Science, 1991

Organisationale Ambidextrie ist seit mehr als 30 Jahren eines der produktivsten Forschungsfelder der Strategiewissenschaft. Die Datenbasis ist substanziell, und ihre Relevanz für Schweizer KMU ist unmittelbar nachvollziehbar. 2026 stellt sich dieselbe Frage in einem neuen Kontext: Wer in heute KI investiert, ohne das Kerngeschäft zu sichern, riskiert das Kerngeschäft zu schwächen. Wer auf KI wartet, bis das Kerngeschäft stabil ist, wartet möglicherweise zu lang. Ambidextrie ist auch hier das Strukturproblem hinter der Technologiefrage.

FORSCHUNGSGRUNDLAGEN

Ambidextre Unternehmen überleben häufiger, wachsen stärker und erzielen höhere Innovationsrenditen

Drei unabhängige Forschungsstränge kommen über 30 Jahre zu einem konsistenten Ergebnis. James March hat 1991 in der Organization Science gezeigt, dass ausschliessliche Exploitation in eine Kompetenzfalle führt. Charles O'Reilly und Michael Tushman haben in zwei Jahrzehnten empirischer Arbeit an Harvard und Stanford belegt, dass Organisationen, die Exploitation und Exploration gleichzeitig aufrechterhalten, langfristig signifikant bessere Überlebens- und Leistungswerte erzielen als Unternehmen, die sich auf einen Modus konzentrieren. Nagji und Tuff haben im Harvard Business Review 2012 gezeigt, dass die transformativen 10 Prozent der Innovationsinvestitionen langfristig 70 Prozent der kumulativen Innovationserträge generieren. Die drei Befunde stammen aus unterschiedlichen Forschungstraditionen, beruhen auf unterschiedlichen Datensätzen und kommen zur selben strategischen Schlussfolgerung: Ambidextrie zahlt sich aus, messbar und konsistent.

Zusammengestellt von Bernhard Nitz, transformind GmbH · Kilchberg, Zürich

01

MARCH, 1991 · ORGANIZATION SCIENCE

Wer ausschliesslich exploitiert, gerät in eine Kompetenzfalle.

Reines Exploitieren erzeugt einen Selbstverstärkungsmechanismus: Die Organisation wird so gut im Bestehenden, dass sie weder Anlass noch Fähigkeit entwickelt, es in Frage zu stellen. Der Befund gilt unabhängig von Unternehmensgrösse.

02

O'REILLY & TUSHMAN  · HARVARD / STANFORD

Ambidextre Unternehmen erzielen langfristig signifikant bessere Überlebens- und Leistungswerte.

Zwei Jahrzehnte empirische Forschung an Hunderten von Unternehmen zeigen: Organisationen, die beide Modi gleichzeitig aufrechterhalten, überleben häufiger und wachsen stärker als jene, die sich auf einen Modus konzentrieren. Es ist einer der robustesten Befunde der Strategieforschung.

03

NAGJI & TUFF · HARVARD BUSINESS REVIEW, 2012

Die 10 Prozent transformativer Investition generieren langfristig 70 Prozent des Innovationsertrags.

Bei überdurchschnittlich erfolgreichen Unternehmen werden rund 70 Prozent der Innovationsressourcen im Kerngeschäft eingesetzt. Aber diese 70 Prozent generieren langfristig nur 10 Prozent der kumulativen Innovationserträge. Die Verteilung ist exakt invers.

Die inverse Logik der Innovationsrendite nach Nagji & Tuff (HBR 2012)

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Schematische Darstellung nach Nagji & Tuff (HBR 2012). Tatsächliche Verteilungen variieren nach Branche und Kontext.

PRAXISBEISPIELE

Warum Ambidextrie über Überleben entscheidet

Was Ambidextrie konkret in der Praxis bedeutet, zeigt sich am deutlichsten an zwei Unternehmen, die in der gleichen Branche zur gleichen Zeit mit der gleichen Ausgangssituation konfrontiert waren. Eines existiert heute noch, das andere nicht. Das Beispiel dürfte Ihnen bereits bekannt sein.

Fotografie-Industrie · gleiche Ausgangssituation, gegensätzliches Ergebnis

FOTO-INDUSTRIE · GLEICHE AUSGANGSSITUATION, GEGENSÄTZLICHES ERGEBNIS

Fujifilm

Als die Digitalfotografie aufkam, entwickelte Fujifilms Führung eine breite strategische These, die sowohl analoge als auch digitale Fähigkeiten umfasste. Das Unternehmen investierte gleichzeitig in das bestehende Filmgeschäft und baute aktiv neue Kompetenzen in digitaler Bildverarbeitung auf, darunter chemische Expertise für neue Felder wie Pharmazie und Kosmetik.

Polaroid

Polaroid erkannte die Notwendigkeit des Wandels und startete sogar strukturell ambidextre Einheiten für digitales Imaging. Aber die organisationale Identität war so stark auf analoge Sofortbildtechnologie fokussiert, dass die digitale Einheit nie die nötigen Ressourcen erhielt. Exploitation dominierte die interne Ressourcenverteilung. Jede Entscheidung war einzeln rational; in der Summe war das Ergebnis strategisch verheerend.

Polaroid meldet 2001 Insolvenz an. Die Marke überlebt nur als Lizenzkonstrukt.

Quelle: Tripsas (2013), zitiert in O'Reilly & Tushman, «Organizational Ambidexterity: Past, Present and Future», Academy of Management Perspectives, 2013.

Fujifilm überlebt und diversifiziert. 2023: Umsatz über 20 Mrd. USD.

SCHWEIZER UHRENINDUSTRIE · 1970ER JAHRE

Wer zu spät entscheidet, wo er antreten will

Die Schweizer Uhrenindustrie verlor in den 1970er-Jahren rund 60.000 Stellen. Nicht weil sie die falsche Technologie hatte. Quartz existierte. Seiko baute darauf ein Geschäftsmodell. Die meisten Schweizer Hersteller blieben in der Exploitation ihres bewährten Handwerks. Die Entscheidung, welches Terrain ihnen gehören soll, wurde zu spät oder gar nicht getroffen. Das Feld blieb leer, bis es andere besetzten.

Ambidextrie scheitert selten am fehlenden Willen zur Innovation. Sie scheitert an der fehlenden Entscheidung, was gleichzeitig entwickelt wird.

Lesen Sie mehr dazu in unserem Blog: Welches Terrain gehört Ihnen?

ANALOGIE FÜR DIE FÜHRUNGSDISKUSSION

Der Zinseszins der Exploration

Nagji und Tuff haben gezeigt: 10 Prozent transformative Investition generieren langfristig 70 Prozent des Innovationsertrags. Wer diese 10 Prozent in der Krise auf null setzt, spart kurzfristig 10 Prozent und verliert langfristig 70 Prozent des Innovationsertrags. Genau wie bei einem Sparplan: Wer drei Jahre aussetzt, verliert nicht drei Jahre Zinsen. Er verliert den gesamten Zinseszinseffekt, der uneinholbar ist.

Was zählt, ist das Minimum, das auch unter maximalem Druck gehalten wird. Ob das 3 Prozent oder 10 Prozent sind, ist sekundär. Die Null bricht den Zinseszinseffekt.

DIAGNOSE

Drei Muster, die die Verschiebung unsichtbar machen

01

Innovation wird mit Exploitation verwechselt

Prozessverbesserungen, Automatisierungsprojekte und Software-Upgrades gelten intern als «Innovation». Im Sinne der Nagji/Tuff-Klassifikation sind das Kerngeschäfts-Optimierungen: wertvoll, aber keine Exploration. Eine Organisation, die stolz auf ihre Innovationsprojekte verweist, kann bei null Prozent transformativer Investition sein, wenn keines dieser Projekte ein neues Geschäftsfeld, eine neue Kundengruppe oder ein neues Wertangebot erkundet.

Im letzten Strategiemeeting wurden die meisten Initiativen als Innovation entlang bestehender Prozesse und für bestehende Geschäftsmodelle vorgestellt. Fast keine wurde als Experiment, ausserhalb des Bestehenden, mit unsicherem Ausgang positioniert.

Erkennungszeichen:

02

Der Engpass wird falsch verortet

Wenn die Auftragslage schlecht ist, liegt es nahe, den Engpass im Vertrieb oder in der Nachfrage zu sehen. Das kann richtig sein. Aber in vielen Fällen liegt der eigentliche Engpass tiefer: in einer Organisation, die seit Jahren zu wenig in die Fähigkeit investiert hat, ihr Geschäftsmodell weiterzuentwickeln. Die Krise macht den Engpass sichtbar. Entstanden ist er lange davor.

Die GL benennt den Engpass als Auftragsmangel oder Vertriebsschwäche. Die letzte strukturelle Überprüfung des Geschäftsmodells liegt mehr als drei Jahre zurück.

Erkennungszeichen:

03

Die Zukunft wird als «nach der Krise» gedacht

«Wenn sich die Lage stabilisiert, investieren wir wieder in die Zukunft.» Dieser Satz klingt vernünftig. Er übersieht die Zinseszins-Logik. Exploration ist eine organisationale Fähigkeit, die aufgebaut und geübt werden muss. Sie verfällt, wenn sie pausiert. Exploration, die unter Druck stoppt und bei Entlastung neu startet, hat einen fundamentalen Fehler: Die Lernzyklen beginnen jedes Mal von vorne.

Das Führungsteam kann nicht benennen, welche Zukunftsinvestition auch im letzten Quartal aktiv geschützt wurde.

Erkennungszeichen:

04

KI-Piloten laufen. Die Richtung fehlt.

Projekte laufen parallel: neue Plattform, KI-Piloten, Prozessautomatisierung. Jedes für sich mit Budget versehen, jedes intern als Zukunftsinvestition deklariert. Was fehlt, ist ein gemeinsamer Fokus und eine Entscheidung darüber, welches Terrain die Organisation langfristig besetzen will. Unter Druck werden diese Projekte als Erste sistiert, weil keines davon als unverzichtbar gilt. Das Ergebnis: schnelle Pilots, langsame Wirkung, schwer erklärbarer Nutzen.

Im letzten Strategiemeeting wurden zwar KI-Initiativen als Innovation vorgestellt. Eine gemeinsame strategische These dazu, wohin die Organisation sich bewegt, fehlt.

Erkennungszeichen:

ORIENTIERUNG

Was Ambidextrie unter Druck konkret bedeutet

Wie viel Exploration unter Druck realistisch ist, zeigt ein vertrautes Bild: der Pensions-Sparplan in einem schwierigen Börsenjahr. Man führt ihn auch dann weiter, reduziert vielleicht die Rate. Aber man hört nicht auf.

ERSTENS

Eine geschützte Minimalinvestition in Exploration

Die auch unter maximalem operativem Druck nicht zur Disposition steht. Das können drei Personen sein, ein halber Tag pro Woche oder ein kleines Prototyping-Budget. Selbst wenn die 10 Prozent auf 3 Prozent sinken: die Kontinuität bleibt erhalten. Die Null bricht den Zinseszinseffekt.

ZWEITENS

Eine ehrliche Diagnose des eigentlichen Engpasses

Die eigentliche Frage ist schärfer: Was hindert diese Organisation konkret daran, sich an veränderte Bedingungen anzupassen? Ob es die Auftragslage ist oder ein Geschäftsmodell, das seit Jahren nicht weiterentwickelt wurde, macht einen grundlegenden Unterschied für die nächste Massnahme.

DRITTENS

Ein Führungssystem, das die Balance aktiv steuert

Ambidextrie passiert nicht von selbst. Sie braucht ein Führungsteam, das bewusst entscheidet, wie knappe Ressourcen zwischen Exploitation und Exploration aufgeteilt werden, und das diese Entscheidung regelmässig überprüft.

NÄCHSTER SCHRITT

Wenn das hier die Situation beschreibt, in der Sie stecken:

Ein erstes Gespräch kostet nichts und verpflichtet zu nichts. Es geht darum zu verstehen, ob die Ambidextrie-Balance in Ihrer Organisation ein relevantes Thema ist. Wenn ja, geht es darum, die eigentlichen Hebel zu identifizieren.

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