Drei Dinge, an denen Sie Anpassungsfähigkeit erkennen, bevor sie sich auszahlt
- Bernhard Nitz

- vor 15 Stunden
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Aktualisiert: vor 25 Minuten

Die meisten Führungsteams erkennen Anpassungsfähigkeit erst am Ergebnis. Ein Projekt läuft gut, eine Einführung gelingt, eine Krise wird überstanden, und im Rückblick heisst es: Wir waren anpassungsfähig. Das ist bequem und leider nur bedingt hilfreich. Denn wer Anpassungsfähigkeit nur am Erfolg misst, kann sie vorher nicht steuern sondern nur hoffen.
Eine Census-Studie der Forschergruppe um Kristina McElheran und Erik Brynjolfsson hat 2025 für die US-Fertigung kausal gezeigt, dass KI-Einführung zuerst Produktivität kostet und erst mittelfristig Gewinn bringt. Das entspricht einer klassischen J-Kurve. Entscheidend ist jedoch, was die Studie über die Verlierer sagt: Ältere, etablierte Firmen leiden stärker, und ein erheblicher Teil ihrer Verluste lässt sich darauf zurückführen, dass sie unter dem Druck der Einführung bewährte Managementpraktiken aufgaben. Anpassungsfähigkeit war hier kein Stimmungswert sondern an konkretem Verhalten ablesbar, bevor das Ergebnis vorlag.
Aus der Studie lassen sich drei Indikatoren ableiten, die sich beobachten lassen, ohne auf das Ergebnis zu warten.
Indikator 1: Wie schnell Ressourcen ihre Allokation wechseln?
Anpassungsfähige Organisationen zeigen ein Muster, das in ihren Budgets und Personalentscheidungen sichtbar wird, lange bevor es in der Bilanz oder gar als Transformationserfolg ankommt.
Was machen anpassungsfähige Organsiationen also anders?
Sie verschieben Mittel, Köpfe und Aufmerksamkeit häufiger zwischen Initiativen, und sie tun das auf Grundlage neuer Information, nicht auf Grundlage des Jahreskalenders.
Konkret beobachtbar wird das an einer Frage: Wann haben Sie zuletzt ein laufendes, nicht gescheitertes Vorhaben heruntergefahren, weil eine bessere Verwendung der Ressource sichtbar wurde? Organisationen, die das nie tun, sind nicht stabil. Die Mittel bleiben dort, wo sie im letzten Planungszyklus zugewiesen wurden, unabhängig davon, was sich seither gezeigt hat.
Dieser Indikator entspringt der transformind-Diagnoselogik, nicht unmittelbar dem Studienbefund. Er folgt aus der Beratungspraxis und aus der gereiften Ambidextrie-Forschung, die zeigt, dass Organisationen Ressourcen zwischen Bestehendem und Neuem ausbalancieren müssen. Wer ihn ernst nimmt, schaut sich an, wie oft im letzten Jahr eine Reallokation gegen den Plan stattgefunden hat, und wie lange die Entscheidung dafür gedauert hat.
Indikator 2: Wie stabil bleiben Managementpraktiken unter Druck?
Hier liefert die Census-Studie den härtesten Befund: Als die Fertigungsbetriebe KI einführten, gerieten gerade die etablierten Firmen in Schwierigkeiten, und zwar weil sie strukturierte Managementpraktiken fallen liessen, die vorher funktioniert hatten. Die Einführung erzeugte Druck, und unter Druck wurde das Bewährte geopfert. Ein Drittel der Verluste älterer Firmen geht nach den Ergebnissen der Studie darauf zurück.
Das kehrt die übliche Intuition um, denn Anpassungsfähigkeit zeigt sich nicht darin, dass eine Organisation unter Druck alles über Bord wirft und neu anfängt. Sie zeigt sich darin, dass eine Organisation unter Druck ihre tragenden Praktiken kennt und hält, während sie das Neue integriert. Wer beim ersten Gegenwind die Zielklärung, die Entscheidungsdisziplin oder die Qualitätskontrolle aussetzt, macht das Unternehmen nicht beweglicher sondern setzt es unter mehr organsiationalen Stress.
Beobachtbar wird das an der Frage: Was ist in Ihrer letzten grösseren Veränderung als Erstes weggefallen? Waren es die regelmässigen Reviews, die saubere Priorisierung, die klaren Entscheidungswege? Dann haben Sie nicht das Neue eingeführt, sondern das Bewährte beschädigt.
Indikator 3: Entwickelt sich neben der Technik auch die Organisation mit?
Die J-Kurve hat eine einfache Ursache: Eine neue Technologie allein bewegt nichts. Erst die ergänzenden Investitionen in Prozesse, Qualifikation, Struktur und Kultur heben den Ertrag. Die Studien zur KI-Produktivität sind hier deutlich: Wo Firmen die Komplementärinvestitionen unterlassen, bleiben sie im Tal stecken. Wo Unternehmen ebenso aggressiv in die Veränderungskapazität investieren wie in die Technik selbst, kommen sie auf die ansteigende Seite der Kurve.

Beobachtbar ist das am Verhältnis. Für jeden Franken, der in ein neues Werkzeug fliesst, wie viel fliesst in die Befähigung der Menschen, die es nutzen sollen, und in die Anpassung der Abläufe, in die es eingebettet wird? Organisationen, die fast alles in technische Umsetzungen oder Lizenzen investieren und fast nichts in die organisationale Einbettung stecken, kaufen sich das Tal, nicht den Aufstieg.
Was diese drei Indikatoren gemeinsam haben
Sie alle messen beobachteres Verhalten und Entscheidungen, nicht deren Ergebnisse. Reallokation, Praxiserhalt und Komplementär-Intensität sind beobachtbar, schon bevor und während die Transformation läuft, nicht erst wenn sie abgeschlossen ist. Genau das löst das Grundproblem auf, mit dem dieser Text beginnt: Anpassungsfähigkeit wird steuerbar, sobald man aufhört, sie am Resultat festzumachen.
Wer diese drei Dinge an seiner eigenen Organisation prüfen will, braucht keine grosse Erhebung sondern einige gezielte Fragen und die Bereitschaft selbstkritisch darauf zu antworten.
Drei Fragen genügen für den Anfang:
1. Reallokation: Wann haben Sie zuletzt ein laufendes, gesundes Vorhaben gestoppt, weil eine bessere Verwendung der Ressourcen sichtbar wurde, und wie lange hat die Entscheidung gedauert?
2. Praxiserhalt: Welche bestehenden Management-Praktiken sind in Ihrer letzten grösseren Veränderung als Erstes weggefallen, und war es etwas, das vorher getragen hat?
3. Komplementarität: Für jeden Franken in neue Technik, wie viel investieren Sie in die Menschen und Abläufe, die sie tragen sollen?
Wenn Sie bei einer dieser Fragen zögern, liegt dort der Ansatzpunkt. Der Pulse-Check macht aus diesen drei Indikatoren ein strukturiertes Bild Ihrer Organisation, bevor die nächste grosse Einführung das Tal erzwingt.
Bernhard Nitz ist Inhaber von transformind GmbH und Gesellschafter bei Königswieser & Network. Er begleitet Führungsteams in Konzernen und KMU im ganzen DACH-Raum, wenn Veränderungen an ihrer eigenen Komplexität zu scheitern drohen.


