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LOVE IT. CHANGE IT. LEAVE IT.

Praxisnahe Impulse zur Selbstreflexion für Führungskräfte, die selbst von Veränderungen betroffen sind.



Das Paradox der betroffenen Führungskraft

Bereits seit einigen Monaten sind Veränderungen in der Organisation angekündigt, erste personelle Veränderungen bei langjährigen Führungskräften werden beobachtet, doch kaum jemand weiss bis jetzt, was der Change genau bedeutet – für die eigene Abteilung, die eigene Rolle, das eigene Team.


Freitag, 15:00 Uhr – Ein Memo erreicht die Belegschaft: Der CEO, seit 15 Jahren im Unternehmen, ist ab sofort nicht mehr im Amt. Einvernehmliche Trennung, per sofort.


15:05 Uhr – Schock in der Organisation. Was ist passiert? Was bedeutet das für uns? Die Spekulationen beginnen: "Vielleicht wollte er die Reorganisation nicht mittragen?" – "Hat er Fehler gemacht?" – "Geht man jetzt so mit Kritikern um?" Gestern haben wir ihn doch noch gesehen und er wirkte ganz normal.


Montag, 8:00 Uhr – Keine weiteren Informationen, die Stelle soll extern neu besetzt werden, die Suche läuft bereits. Managementmeetings und Teammeetings finden statt, Mitarbeitende stellen Fragen. Als Führungskraft sitzen Sie zwischen den Stühlen.


Montag, 10:00 Uhr – Kaffee mit Kollegen aus dem mittleren Management. Die Fragen werden existenziell: "Wenn schon der CEO so einfach geht – was dürfen wir dann noch sagen?" – "Wann trifft es einen von uns?"


Sie kennen solche Situationen.

Und Sie kennen vermutlich auch dieses Gefühl: Von Ihnen wird erwartet, dass Sie Orientierung geben, authentisch führen, Sicherheit vermitteln. Gleichzeitig wissen Sie selbst nicht, was die beobachteten Vorgänge für Ihre eigene Rolle bedeutet. Sie haben Ihre eigenen Ängste, Ihre eigenen Fragen, Ihre eigene Unsicherheit.


Das ist das Paradox der betroffenen Führungskraft: Sie sollen ein Anker sein, während Sie selbst im Sturm stehen.

Dieses Impulspapier ist für genau für solche Situationen geschrieben. Ich möchte damit einen kleinen Beitrag leisten, um betroffenen Führungskräften den Umgang mit vergleichbaren Unternehmenssituationen zu erleichtern.


Warum Veränderung uns so trifft – auch erfahrene Führungskräfte

Unser Gehirn reagiert auf Veränderungen neurobiologisch wie auf eine Bedrohung. Selbst wenn wir rational verstehen, dass eine Reorganisation notwendig ist, schaltet unser System in einen Alarmmodus. Das ist keine Schwäche – es ist menschlich.

Die Herausforderung: Als Führungskraft dürfen Sie diese Reaktion nicht einfach ausleben. Sie sollen funktionieren, entscheiden, kommunizieren – während in Ihnen selbst Unsicherheit und Sorge arbeiten.

«Die rote Linie ist bei mir schon längst überschritten»

Viele Führungskräfte bleiben im Außen handlungsfähig, während sie im Inneren erstarren. Sie funktionieren, aber sie verlieren den Zugang zu sich selbst und damit auch die Fähigkeit, authentisch und mit innerer Klarheit zu führen. In der Realität kann dies dazu führen, dass persönliche Grenzen sukzessive verschoben werden. Eine gestandene Führungskraft, emotional massiv belastet, hat mir kürzlich mit zitternden Lippen gesagt «Die rote Linie ist bei mir schon längst überschritten» und doch war dieser Mensch in Bezug auf diese Situation nahezu handlungsunfähig – abwarten und hoffen auf Besserung schien die einzige denkbare Option.


Genau hier setzt dieses Impulspapier an.


Das Modell: Love it. Change it. Leave it.

Das Denkmodell "Love it. Change it. Leave it." – vermutlich zurückgehend auf Henry Ford – bietet drei grundlegende Handlungsoptionen für den Umgang mit schwierigen Situationen. Es ist deshalb so wertvoll, weil es aufzeigt: Sie haben immer eine Wahl, auch wenn diese Wahl manchmal nur lautet, eine Situation zu akzeptieren oder sie zu verlassen.

 

LOVE IT – Die Situation annehmen und an der eigenen Haltung arbeiten

Es geht nicht darum, alles "schönzureden" oder sich selbst zu belügen. Love it kann bedeuten: Ich kann mich bewusst entscheiden, eine Situation anzunehmen und das Beste daraus zu machen. Ich kann mich auf das konzentriere, was ich schätze, und arbeite an meiner inneren Haltung.

Wann kann das sinnvoll sein?

·       Wenn die Gesamtsituation für Sie stimmig ist, auch wenn nicht alles perfekt läuft

·       Wenn die Veränderung Aspekte betrifft, die Sie nicht kontrollieren können

·       Wenn Sie erkennen, dass Ihr Widerstand mehr Energie kostet als die Anpassung

«Love it» ist keine Resignation und keine naive Zustimmung. Es ist vielmehr eine bewusste Entscheidung die äusseren Umstände mit ihren Imperfektionen für den Moment zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen.

 



CHANGE IT – Aktiv Veränderungen bewirken

Sie können aktiv gestalten und verändern, was Sie können, wollen und in Ihrer Macht steht. Das kann Ihre eigene Rolle betreffen, Ihre Arbeitsweise, Ihre Kommunikation oder auch größere strukturelle Aspekte.

Wann kann das sinnvoll sein?

  • Wenn Sie Gestaltungsspielraum haben

  • Wenn die Veränderung eine Chance für Verbesserung bietet

  • Wenn Sie bereit sind, Energie in Veränderung zu investieren

«Change it» öffnet den wichtigsten Raum: Nicht alles muss perfekt sein. Nicht alles muss Ihnen gefallen. Aber Sie können aktiv daran arbeiten, dass es besser wird.

 

In schwierigen Situationen fällt es häufig schwer die wirklichen Gestaltungsspielräume zu identifizieren und als Chancen anzuerkennen. Es kann daher sehr hilfreich sein, solch schwierige Situationen mit Personen zu besprechen, die sich nicht im selben System befinden und nicht derselben Belastung ausgesetzt sind (Mentor:innen, vertraute Kolleg:innen aus anderen Abteilungen, Coaches, etc.)

 

LEAVE IT – Loslassen und gehen

Wenn Sie eine Situation weder annehmen noch verändern können, bleibt die Option des Loslassens. Das kann bedeuten, ein Team zu verlassen, eine Rolle aufzugeben oder das Unternehmen zu wechseln.

Wann kann das sinnvoll sein?

  • Wenn grundlegende Werte nicht mehr zusammenpassen

  • Wenn Sie trotz aller Bemühungen keine Verbesserung sehen

  • Wenn die Situation Ihre Gesundheit oder Ihr Wohlbefinden massiv beeinträchtigt


«Leave it» ist kein Scheitern. Es ist vielmehr der Mut, sich selbst treu zu bleiben und aktiv einen neuen Weg zu wählen.

 

Das Zusammenspiel der drei Optionen

Das Kraftvolle an diesem Modell: Die drei Optionen schließen sich nicht aus. Sie können Teile Ihrer Situation "loven", andere "changen" und wieder andere "leaven".

  • Sie können Ihre Rolle lieben, aber die Art der Zusammenarbeit verändern wollen

  • Sie können das Unternehmen schätzen, aber ein bestimmtes Projekt loslassen

  • Sie können in einem Bereich aktiv gestalten, während Sie in einem anderen bewusst akzeptieren

Der Schlüssel ist: Bewusst entscheiden, statt passiv erdulden.

 

Von Betroffenheit zu Handlungsfähigkeit

Wenn das eigene Arbeitsumfeld durch Reorganisationen, strategische Neuausrichtungen oder eine neue Führungsperson verändert wird, erleben viele Führungskräfte einen Kontrollverlust. Das Gefühl, zum Spielball der Umstände zu werden, ist real und schmerzhaft.

Es gibt einen Unterschied zwischen "betroffen sein" und "in der Opferrolle bleiben".

Wer sich bewusst entscheidet, nicht in der Ohnmacht zu verharren, sondern aktiv zu reflektieren und zu gestalten, gewinnt Handlungsspielraum zurück.

 

 Was hilft auf diesem Weg?


  1. Ehrliche Bestandsaufnahme  Betrachten Sie Ihre Situation mit klarem Blick. Was sind Fakten? Was sind Spekulationen? Was sind Ihre Ängste? Was sind Ihre Hoffnungen?

  2. Gefühle zulassen – aber nicht von ihnen überwältigt werden  Unsicherheit, Angst, Wut – all das darf da sein. Aber diese Gefühle müssen nicht Ihre Handlungen bestimmen.

  3. Trennen Sie Phantasie von Realität  In Veränderungsphasen entstehen Gerüchte und Spekulationen. Fragen Sie sich: Was weiß ich wirklich? Was sind gesicherte Fakten?

  4. Neugierige Offenheit kultivieren  Auch wenn das Neue zunächst unbequem erscheint – eine offene, lernbereite Haltung öffnet Türen, die Sie vorher nicht gesehen haben.

  5. Mitgefühl mit sich selbst  Wandel braucht Zeit. Nicht jeder Schritt gelingt sofort. Geben Sie sich die Geduld, die Sie auch Ihren geschätzten Mitarbeitenden geben würden.


Führungskräfte, die diese Haltung kultivieren, können mehr Klarheit und Stabilität ausstrahlen, weil sie ihre eigene Betroffenheit klarer erkennen und bewusster damit umgehen können.


Hinweis: Dieses Impulspapier dient der persönlichen Reflexion und ersetzt keine professionelle Beratung, psychologische Begleitung, juristische oder medizinische Beratung. Die Anwendung erfolgt eigenverantwortlich.

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