KI skaliert nicht. Was Geschäftsleitungen daraus lernen können.
- Bernhard Nitz

- 31. Okt. 2022
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. Apr.
Und warum das nichts mit dem Begriff MLOps zu tun hat

Drei Prinzipien, die jede Geschäftsleitung kennen sollte
1. Klare Verantwortlichkeit über den gesamten Lebenszyklus
In MLOps gibt es keine Übergabe ohne Verantwortungsübernahme. Ein Modell gehört jemandem, vom ersten Experiment bis zur Abschaltung. In vielen Transformationsprojekten endet die Verantwortung mit dem Go-live. Was danach kommt, fällt in eine Grauzone zwischen IT, Fachbereich und Geschäftsleitung. Niemand fühlt sich zuständig, wenn es nicht mehr so läuft wie geplant.
Wer ist in Ihrer Organisation verantwortlich, wenn ein neuer Prozess, ein neues Betriebsmodell oder eine neue Rolle nach der Einführung nicht das liefert, was versprochen wurde?
2. Monitoring ist eine Führungsaufgabe, keine IT-Aufgabe
ML-Modelle driften. Ihre Vorhersagen verschlechtern sich, sobald sich die Realität verändert und niemand nachjustiert. MLOps baut deshalb Monitoring als strukturellen Bestandteil ein, nicht als Reaktion auf Probleme.
Organisationen driften genauso. Strategien werden beschlossen und nicht mehr überprüft. Führungsverhalten verändert sich unter Druck. Kulturelle Muster verfestigen sich unbemerkt. Das DORA-Forschungsprogramm (DevOps Research and Assessment), das seit Jahren Leistungsunterschiede zwischen Entwicklungsteams untersucht, zeigt: Hochperformante Teams unterscheiden sich nicht durch bessere Technologie. Sie unterscheiden sich durch strukturierte Feedbackschleifen und die Bereitschaft, schlechte Nachrichten frühzeitig zu teilen.
Welche Feedbackschleifen haben Sie eingebaut, um zu erkennen, wenn Ihre Organisation von ihrer eigenen Strategie abweicht?
3. Experiment und Betrieb strukturell trennen
MLOps unterscheidet konsequent zwischen zwei Betriebsmodi: Exploration, wo schnell getestet und gelernt wird, und Produktion, wo Stabilität, Dokumentation und Verlässlichkeit zählen. Beide Modi brauchen andere Prozesse, andere Risikobereitschaft und andere Erfolgskriterien. Sie zusammenzulegen erzeugt Lähmung: Die Stabilität leidet. Die Innovation auch.
In der Organisationsforschung trägt dieses Prinzip seit Jahrzehnten einen Namen: Ambidextrie. James March beschrieb 1991 das Spannungsfeld zwischen Exploitation — dem Optimieren des Bestehenden — und Exploration — dem Entwickeln des Neuen — als das zentrale Steuerungsproblem von Organisationen. Charles O'Reilly und Michael Tushman haben daraus das Konzept der ambidexteren Organisation entwickelt: Unternehmen, die beides gleichzeitig können, weil sie es strukturell trennen. Nicht zeitlich, nicht nach Stimmungslage, sondern dauerhaft und bewusst.
Das ist kein technisches Prinzip. Es ist das Kernproblem jeder Organisation, die gleichzeitig das Bestehende am Laufen halten und Neues entwickeln muss. Wer beides in denselben Strukturen, mit denselben Teams und nach denselben Regeln betreibt, bekommt weder Stabilität noch Innovation.
Was das konkret für Schweizer KMU bedeutet, habe ich in einem separaten Artikel beschrieben: Ausdauer statt Aufbruch: Warum Optimieren allein die Zukunft kostet.
Haben Sie in Ihrer Organisation klar getrennt, was im Betrieb bleiben soll und was exploriert werden darf, inklusive unterschiedlicher Regeln für beide Bereiche?
MLOps ist ein technischer Begriff für ein menschliches Problem
Wer ist wofür verantwortlich? Wie erkennen wir, ob es noch funktioniert? Und wie verhindern wir, dass Neues am Bestehenden scheitert?
Diese drei Fragen stellen sich nicht nur bei KI-Projekten. Sie stellen sich bei jeder Strategie, jedem neuen Betriebsmodell, jeder Reorganisation. Wer sie für sein Unternehmen klar beantworten kann, braucht MLOps nicht zu kennen. Wer sie nicht beantworten kann, hat das Problem, unabhängig davon, ob KI im Spiel ist oder nicht.
Wenn Sie wissen möchten, wo Ihre Organisation heute zwischen Exploitation und Exploration steht: Das ist eine der Kernfragen, die Ambiflow als "Dimension 3" (Ambidextrie-Balance) in 10 Tagen diagnostisch sichtbar macht.
Bernhard Nitz ist Managing Director von transformind GmbH in Kilchberg, Zürich. transformind begleitet Führungsteams in komplexen Transformationen, Strategieprozessen und Organisationsdiagnosen.


